Dispozinsen – der Feind lauert außerhalb der Städte

Über 80 % der deutschen Haushalte verfügen über einen Dispokredit, können ihr Konto also bis zu einem festgesetzten Rahmen überziehen. Beinahe jeder Sechste nutzt diese Möglichkeit ununterbrochen. Diese Art der Kreditnahme gibt es aber natürlich nicht umsonst, die Banken verlangen hierfür Dispozinsen. Das allerdings nicht zu knapp, wie Stiftung Warentest nun herausgefunden hat. Im Durchschnitt verlangen die Kreditinstitute 11,31 % Zinsen für die Überziehungsmöglichkeit. Viele Banken geben sich zudem absolut intransparent, so dass die Kunden auf eine lange Suche nach den Zinssätzen gehen müssen, obwohl die Banken laut Preisangabenverordnung klar zur Nennung verpflichtet sind.

Im vergangenen Mai senkte die Europäische Zentralbank den Hauptrefinanzierungssatz, also den wichtigsten Leitzins, auf 0,5 % und damit auf ein noch nie erreichtes Rekordtief. Seit dem können sich die Banken zu einem halben Prozent Zinsen Geld bei der Zentralbank leihen. Bei den Bankkunden kommt diese historische Zinssenkung allerdings nicht an. Die Stiftung Warentest verglich nun die Dispo-Konditionen von rund 1600 Banken und Sparkassen und kam zu einem ernüchternden Ergebnis. Kaum ein Kreditinstitut vergab einstellige Dispozinsen. Zinssätze von 13 % und mehr waren eher die Regel als die Ausnahme. Die größten Abzocker sind dabei kleine Banken auf dem Land, wo die Kunden nicht einfach die Bank wechseln können.

Enorme Zinsunterschiede

Der Großteil der 1538 untersuchten Geldhäuser verlangte satte Zinsen auf Dispokredite. 120 Banken nahmen mindestens 13 %, die meisten von ihnen saßen auf dem Land. Gerade Volks- & Raiffeisenbanken sowie Sparkassen nutzen ihre Monopolstellung im ländlichen Raum demnach schamlos aus. Dabei graben längst nicht alle Banken maßlos Geld bei den Disponutzern ab. Die VR-Bank Uckermark Randow verlangte bei spezieller Kontoführung lediglich 4,2 % Zinsen und die Deutsche Skatbank 5,25 % bei online geführten Konten. Derart massive Zinsunterschiede sind laut Tester keine Seltenheit. Die Spannweite zwischen den Banken beträgt zum Teil über 10 %. Dabei müssten alle Dispo-Zinssätze dank des niedrigen Leitzinses deutlich unter 10 % liegen, so die Finanztester.

Dispo-Konditionen oftmals undurchsichtig

Auch die Intransparenz bei den Banken wird von den Testern kritisiert. Laut Stiftungsvorstand Hubertus Primus hatten lediglich ein Viertel der unter die Lupe genommenen Banken die Dispo-Konditionen „ohne Umschweife“ genannt, 519 wollten die Zinshöhe nicht nennen, hatten diese aber im Internet veröffentlicht, bei 606 mussten die Tester in die Filialen und die Zinsen auf den Aushängen nachlesen und bei 26 Geldinstituten war gar nichts in Erfahrung zu bringen. Obwohl die Banken gesetzlich dazu verpflichtet sind, Kreditkonditionen zu veröffentlichen, werden die Regelungen in vielen Fällen offensichtlich bewusst ignoriert oder zumindest das Einholen der Informationen erschwert.

Kritik an Zinspolitik der Banken

Bereits im vergangenen Jahr stellte Verbraucherministerin Ilse Aigner eine, von ihrem Ministerium in Auftrag gegebene Studie vor, die die Dispozins-Praxis der deutschen Kreditinstitute deutlich kritisierte. Demnach ziehen die Autoren der Studie

„die Begründungen der Geldhäuser für die hohen Zinsen in Zweifel: Weder habe sich der Bearbeitungs- und Verwaltungsaufwand in den letzten Jahren erhöht, noch seien die Ausfallquoten mit im Schnitt höchstens 0,3 Prozent auffallend hoch“.

Des Weiteren wird darauf hingewiesen, dass sich

„die Refinanzierungskosten der Banken am Geldmarkt in letzter Zeit erheblich reduziert haben, die Dispo-Zinsen aber nicht unmittelbar und in gleichem Maße gefallen seien“.

Die Studie kommt daher zum Schluss,

„dass die Erträge aus dem Dispokreditgeschäft die Kosten, die dem Kreditinstitut für dieses einzelne Produkt entstehen, deutlich übersteigen, so dass sie zur Quersubventionierung anderer Leistungen oder zur Gewinnsteigerung verwendet werden“.

Zu einem ähnlichen Schluss kommt auch die Stiftung Warentest, die in dieser Praxis lediglich eine Gewinnanhäufung auf Kosten der Disponutzer erkennen kann. Aber weder Ilse Aigner noch Hubertus Primus halten eine gesetzliche Obergrenze für Dispozinsen für sinnvoll. Schaffung von Transparenz, damit die Kunden vergleichen können, allerdings schon. Eine gesetzliche Verpflichtung, die die Banken dazu zwingen würde, ihre Konditionen im Internet zu veröffentlichen, wäre zwar denkbar, an einer Gesetzesinitiative fehlt es aber bislang. SPD, Linke und Grüne sehen hingegen zwingenden Handlungsbedarf und machen die Deckelung der Dispozinsen zum Wahlkampfthema. SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück verlangt eine Obergrenze von acht Prozentpunkten über dem Leitzins, die Linke geht noch weiter und will den Banken lediglich fünf Prozentpunkte zugestehen.

Banken wehren sich

Die Stellungnahmen der Banken zu den Ergebnissen der Stiftung Warentest sind zwiespältig. Während der Bankenverband, als Vertreter der privaten Banken, den Vergleich der Dispozinsen als Erfolg für die privaten Kreditinstitute verbucht, wehren sich vor allem die Volks- und Raiffeisenbanken sowie die Sparkassen gegen den Vorwurf der Abzocke. Der Sparkassenverband weist darauf hin, dass bei der Studie etliche Gesichtspunkte außer Acht gelassen wurden. Denn bei Dispokrediten würden erhebliche Mehrkosten als bei anderen Krediten entstehen, zudem gäbe es hohe Ausfallraten und die Banken würden sich das Geld eben nicht bei der EZB leihen, sondern die Mittel „aus höherverzinslichen, teilweise langfristig angelegten Kundeneinlagen“ beziehen.

Auch die Volksbanken weisen auf die Mehrkosten hin und wittern hinter der Aufregung lediglich Stimmungsmache für den Wahlkampf.

„Ich kann das Getöse nicht nachvollziehen. Statt Aufklärung über den Mechanismus zu betreiben, der hinter der Preisfindung von Dispozinsen steht, mokiert man sich ausschließlich über die Höhe der Zinsen“,

so Stephan Götzl, Präsident des Genossenschaftsverbands Bayern (GVB). Martin Blessing, Chef der Commerzbank, sieht in der Höhe der Dispozinsen außerdem ein erzieherisches Mittel.

„Der Dispozins soll bewusst auch ein Anreiz sein, das Konto nicht langfristig zu überziehen.“

Die Diskussion um die Höhe der Zinsen hält auch er für Wahlkampf, denn niedrige Dispo-Konditionen seien zudem gefährlich:

„Je billiger das Geld, desto höher verschulden sich die Verbraucher. Das ist der falsche Weg.“

Für die deutschen Steuerzahler, die die Commerzbank vor viereinhalb Jahren mit 18,2 Mrd. Euro vor dem Ruin retten mussten, gibt es im Übrigen keine hohen Zinsen. Im Gegenteil: Als der Commerzbankchef im März stolz die Rückzahlung der letzten 1,6 Mrd. Euro verkündete, war klar, dass der deutsche Staat mit der Rettung der Bank fast zwei Milliarden Euro verloren hat.

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